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Trash-Oper: Zufall und Chaos führen Regie

Die Leibniz-Inszenierung von "Haltestelle. Geister"
provozierte und überzeugte


aus: "Der Bote" vom 30.03.2009
 
 

ALTDORF
 
        Die Eigenheiten eines Schultheaters stellen den Regisseur oder die Regisseurin vor einige Herausforderungen. Die ständige Fluktuation im Ensemble und die große Zahl der ambitionierten Mimen machen es schwierig Jahr für Jahr das passende Stück und die passende Besetzung zu finden. Wem dies gelingt, der wird aber auch dafür belohnt: Er darf mitansehen, wie sich die Schützlinge von Aufführung zu Aufführung verbessern und ihr schauspielerisches Potenzial mehr und mehr entfalten. Eine solche Entwicklung durfte Regisseurin Petra Vetter auch in diesem Jahr wieder bei ihrer Leibniz-Theatergruppe feststellen, die bei der Premiere der Inszenierung von "Haltestelle. Geister." provozierte - und überzeugte.

   "Trash-Oper" so nennt der Autor Helmut Krausser sein Werk, das 2000 in Hamburg uraufgeführt wurde. In jedem Fall handelt es sich um ein zeitgenössisches Theaterstück, das es dem Zuschauer nicht gerade einfach macht: Einen linearen Handlungsstrang und einen dramaturgischen Spannungsbogen vermisst man ebenso wie eine überschaubare Personenkonstellation.

   Nicht ein göttliches Prinzip, so hat man den Eindruck, sondern der Zufall oder das Chaos führen Regie, wenn bei "Haltestelle. Geister" Menschen aufeinandertreffen oder auseinandergehen, hoffen oder resignieren, leben oder sterben. Hier verknüpfen sich Schicksale auf komische, tragische oder absurde Weise, und einen Masterplan sucht man vergebens.

 
Erschreckend real.

   Der Ort dieses bunten, kaum geordneten Treibens, ist eine Bushaltestelle, und die Charaktere, die dort auftreten, sind trotz ihrer sterotypen Überzeichnung irgendwie erschreckend real: Drei aufgetakelte "Tussen" rauben einen alten Knacker aus. Eine verzweifelte Dame ist auf der Suche nach ihrer Internetbekanntschaft. Ein Imbissbudenkoch versucht sein Glück bei einer abgedrehten Hippiedame, die sich für Prinzessin Gracia Gala vom Planeten Tallulah hält. Es ist ein bisschen, als würde man durch ein Kaleidoskop auf die moderne Gesellschaft blicken - ein Eindruck, der sich noch verstärkt, wenn der Drogendealer Rico die anderen Charaktere mit seinen Pillen versorgt und die Bühne in ein leuchtendes Farbenmeer getaucht wird.

   Die Haltestelle wird für diese Menschen der Ort des Wartens und der Suche nach einem besseren Leben, nach Liebe und Zuneigung oder wenigstens Sex, nach Gott und manchmal auch nur nach sich selbst.

   Doch fast immer sind die halbherzigen, hedonistischen Entgrenzungsversuche zum Scheitern verurteilt und das Verlangen nach einem verständnisvollen Zuhörer bleibt unerfüllt. Stets bleiben die Figuren dem gleichen Ort verhaftet, ein Bus kreuzt nie auf. Auch im Tod, wenn die Geister der Charaktere im Hintergrund des simplen, aber wirkungsvollen Bühnenbildes gleichsam in einer Welt hinter der vermeindlichen Wirklichkeit wiederkehren, erfüllen sich die Hoffnungen nicht. Die Unfähigkeit zur Kommunikation zwischen den einzelnen Figuren wird auf der Bühne gut durch verwirrende, teils parallel geführte Dialoge und Missverständnisse sowie durch eine oft sehr derbe Sprache vermittelt.

   Das wirkt einerseits sehr drastisch und lässt den Zuschauer bis zum Schluß ziemlich orientierungslos, andererseits ist es auf eine herausfordernde Art komisch. Der zynische Humor der Dialoge und der Handlung sorgt für viel Heiterkeit im Publikum, auch wenn einem das ein oder andere Mal das Lachen beinahe im Halse stecken bleibt - etwa, wenn die Wartenden in einer drogenumnebelnden Veerschwörungstheorie Hitler zum Retter der Welt erklären oder ein tödlicher Autounfall zum Objekt voyeuristischer Gewaltphantasien wird.

   Die Leibniz-Inszenierung ließ den für das zeitgenössische Theater fast schon obligatorischen Hang zur Provokation aber nicht zum Selbstzweck verkommen, sondern benutzte ihn gekonnt als Mittel zum Aufzeigen gesellschaftlicher Abgründe.

   Das ist in erster Linie der schauspielerischen Leistung der Schüler zu verdanken, die die teils tragischen, teils einfach nur durchgeknallten Figuren glaubhaft verkörperten. Herausragend: Der prollige und überaus authentisch gemimte Pillendealer (Felix Röser, K12) und das sado-masochistische Ehepaar aus der Oper. Wenn der zynische und neurotische Tristan-Fan (Simon Reuter, K12) und seine katastophal mondäne Frau (Lena Chmel, K13) sich gegenseitig beschimpfen und ihre schaurigen Phantasien ("Mach mir den Hitler!") und perversen Romantik-Vorstellungen offenbaren, stehen einem die Haare zu Berge. Ebenfalls exzellent gespielt: die wirre und traurige Gestalt des Penners (Brigitte Middlemiss, K12), die als einzige Kontakt zu den Verstorbenen im Jenseits hat, bis sie dem wahnsinnig gewordenen Opernbesucher zum Opfer fällt.

   Weil das Stück eine "Trash-Oper" ist, durften natürlich auch Musik und Gesang nicht fehlen. Für erstere war, wie auch in den letzten Jahren, der Ex-Leibnizianer und Komponist Wolle Völkl verantwortlich. Er unterfüttete das Geschehen nicht nur atmosphärisch mit effektvollen Klangbasteleien aus Operngesang und modernen Beats, sondern sorgte auch für die stilistische abwechslungreiche Begleitung der Gesangseinlagen, in denen die Figuren über ihr Leben sinnieren und für die die Darsteller mit Szenenapplaus bedacht wurden.

   Am Ende blieb dem Zuschauer ein seltsames Gemisch aus Fatalismus und Hoffnung. Vielleicht hat sich der eine oder andere den zentralen Satz zu Herzen genommen: "Du lebst, du Trottel, mach was draus!"

   Schulleiter Karl-Heinz Graß beglückwünschte die Gruppe zu ihrem Erfolg - "auch wenn die Sprache nicht den hohen Zielen unserer Bildungsanstalt gerecht wurde" wie er augenzwinkernd anfügte.

 KILIAN SPANDLER
 
 
  last update : 01.05.2018  
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